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ja!rgon Nr.5 - Dezember 2006
EditorJA!l
Der Winter scheint eingetroffen zu sein, Samichlousetag ist schon vorbei und
Silvester naht. Damit wird auch aufs alte JA!hr zurückgeschaut und fürs neue
werden gute Vorsätze gefasst.
Der Samichlous hat der JA! keine Rute gebracht – obwohl sie ja doch nicht so
ganz brav gewesen ist, hat er weise erkannt, dass es nicht die Aufgabe der
JA! ist, brav zu sein. Im Gegenteil, er hat sie sogar gelobt, weil sie ganz
unbrav immer wieder für Freiräume gekämpft, sich gegen sexistische Werbung
eingesetzt, negative Folgen der Globalisierung aufgezeigt und sich für
alternative Wohnformen stark gemacht hat.
Die JA! ist eine basisdemokratische Gruppe, ohne Vorstand – und, damit sich
wirklich alle engagieren können, auch ohne Mitgliederbeiträge. Deshalb hat
der Samichlous bemerkt, dass die JA! ganz viele Weihnachtsgeschenke braucht,
damit sie so bleiben kann, wie sie ist... Wer der JA! ein Geschenk machen
will, kann uns Geld spenden, denn damit kann die JA! Flyer drucken, Plakate
gestalten, Transparente malen, den JA!rgon produzieren oder Bastelmaterial
für Aktionen kaufen.
Der Samichlous ruft deshalb alle, welche auch nächstes Jahr noch eine JA!
wollen, die nicht brav, sondern stachelig und konsequent ist, uns ein
Geschenk zu machen. Merci!
Rahel Ruch
China im Wohnzimmer
Weihnachten steht vor der Tür und überall wird geshoppt, gelädelet,
konsumiert und eingekauft...
24. 10. 2006 :
Die Menschen in den Einkaufslauben von Bern sind verwirrt. Da ist eine
Gruppe, bewaffnet mit leeren Einkaufstaschen, welche sie massiv beim
Einkaufen stört. Sie bilden eine Kette und versperren die ganze
Laubenbreite. Keine einzige Person, und sei sie noch so gestresst, kommt an
ihnen vorbei, ohne nicht wenigstens einen Flyer in die Hand gedrückt zu
bekommen. Auffallende, orange Schilder kleben an ihren Kleidern, die
Botschaft ist klar; HEUTE IST KAUF-NIX-TAG. „Wie soll ich denn das machen,
einen ganzen Tag nichts konsumieren? Und überhaupt, was würde das schon
bringen? Ich bin ja sowieso nur eine unter vielen. Schadet das nicht der
Schweizer Wirtschaft?“ Dies nur ein paar Reaktionen...
Eine Woche später:
Meine 8-jährige Cousine Elena kommt mit einer neuen Aufgabe von der Schule
nach Hause. Sie muss mindestens 20 Gegenstände finden, auf welchen
geschrieben steht: „Made in China“ Eine fast unmöglich lösbare Aufgabe,
findet sie. Wir gehen also auf Gegenstandssuche und beginnen in ihrem
Zimmer: Ihre Diddlmaus – aus China, das neue T-Shirt mit den farbigen
Tupfern – aus China, ihre Schuhe – aus China, die Lampe, welche sie letztes
Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen hat – Made in China... und weiter
geht’s gleich in der Küche; die Bratpfanne – auch China, der Sprachcomputer
ihres Bruders – China, meine Jeans...
So langsam ist Elena die Sache nicht mehr ganz geheuer, wieso haben wir hier
bei uns so viele Sachen aus China? Ob ich ihr denn nicht einmal erzählt
habe, dass die Menschen da sehr wenig haben im Vergleich zu uns? Und wer
bringt diese Sachen denn eigentlich hierher?
Ja, ich kenne sie, die allgemein gültigen Antworten auf diese Fragen: Wir
leben nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, es streben alle
nach möglichst viel Konsum zu möglichst kleinem Preis, weil sie sich davon
mehr Glück erhoffen. Die Werbung und das Fernsehen leben es uns vor.
Möglichst billig einkaufen kann man, wenn das Produkt möglichst billig
produziert worden ist. Produzieren lässt sich also folglich am Besten da, wo
es billige Ressourcen gibt. Viel Land, wenig Umweltschutzauflagen, viel
Strom (wen interessiert es schon, woher) und vor allem: Da, wo es möglichst
arme, unorganisierte, politisch unterdrückte Menschen gibt, welche bereit
sind Tag und Nacht für einen Hungerlohn gesundheitsschädigende und monotone
Arbeiten zu verrichten.
All dies kann ich ihr schon erzählen, doch ist dies eine Erklärung für unser
Konsumverhalten? Geht es nicht eigentlich um etwas ganz anderes? Gibt es
Alternativen? Alternativen zur globalisierten Marktwirtschaft? Zu „Made in
China»? Alternativen zu einer kapitalistischen Gesellschaft? Alternativen
zum ausbeutenden und unreflektierten Konsum?
Claudia Dutler
Welche Nahrung wollen wir?
Bauern - Spielball der Globalisierung
Rückblick auf die OeME (Oekumene Mission Entwicklung) Herbsttagung 2006
Bäuerinnen und Bauern im Süden und im Norden produzieren unsere
Nahrungsmittel. Die Landwirtschaft von heute steht im Spannungsfeld vom
globalen Wettbewerb und internationalen Handelsabkommen, lokalem Handel,
staatlicher Politik, den Bedürfnissen von Kundinnen und Kunden und der
eigenen Realität auf dem Bauernhof.
Bäuerinnen und Bauern hier und im Süden können das Spiel der Globalisierung
mitspielen oder nicht, Tatsache ist aber, dass sie immer häufiger zum
Spielball der Globalisierung werden. Durch Liberalisierungsschritte wie
Marktöffnung oder Zollabbau werden sie einem starken Rationalisierungsdruck
unterworfen. Billig produzierte Waren aus dem Süden überfluten unseren
Markt, Subventionen werden gestrichen, in der Bevölkerung schwindet das
Bewusstsein für den Wert von landwirtschaftlich produzierter Nahrung.
Bauernbetriebe auf der ganzen Welt sind unterschiedlich betroffen;
existentielle, soziale und ökologische Probleme verschärfen sich.
Warum produziert Costa Rica Bio Brombeeren für Europa? Wie kommt es, dass
Hühnerresten aus Europa den lokalen Geflügelmarkt in Kamerun zerstören?
Welche Waren wollen wir importieren und exportieren und unter welchen
Bedingungen? Warum werden in der andalusischen Provinz Almeria auf 320
Quadratkilometern unter Plastikfolien jährlich 3 Millionen Tonnen Gemüse
durch vorwiegend illegale Migrantinnen und Migranten angebaut? Gemüse,
welches im Winter in den Regalen unserer Läden glänzt! Welche Wünsche haben
die Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz? Und nicht zuletzt, welche
Verantwortung übernehmen die Konsumentinnen und Konsumenten? Die OeME
Herbsttagung versuchte Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden. Mit
Gästen aus Costa Rica und dem Napfgebiet, aus Kamerun und dem Seeland. Mit
Vertreterinnen von Grossverteiler- und Konsumentenorganisationen, Verbänden,
NGO’s und Kirchen. Entstanden ist eine informative Tagung mit interessanten
Gesprächen und kontroversen Diskussionen. Die Tagung machte aber auch
deutlich bewusst, wie unglaublich komplex und vielschichtig die Thematik
ist. Was bleibt ist der Wunsch, die eigene Verantwortung gegenüber der
Landwirtschaft wahr zu nehmen und bewusster zu konsumieren, sich trotz
Weihnachtsstimmung auch in der Mandarinlisaison zu fragen: Welche Nahrung
wollen wir?
Anja Brunner
Keine Chicken schicken!
Ein Hoffnungsschimmer: In Kamerun wehrt sich eine wachsende soziale Bewegung
gegen die negativen Folgen der Globalisierung und hat damit Erfolg.
Seit Ende der Neunziger Jahre wird eine immer grösser werdende Menge von
Geflügel aus der EU in Afrikanische Länder, beispielsweise Kamerun,
importiert. Dieses Fleisch kommt in Einzelteile zerlegt und tiefgefroren
nach Kamerun und kann dort zu einem sehr tiefen Preis verkauft werden. Somit
stiess das Importfleisch in Kamerun anfänglich auf grossen Anklang, nicht
zuletzt, weil das Auftischen von Hühnerfleisch in dortigen Gesellschaften
das Ansehen steigert.
Doch gleichzeitig ruinierte der Importboom den inländischen Geflügelmarkt;
für einheimische Produzentinnen und Produzenten war es schlicht unmöglich
mit derart tiefen Preisen zu konkurrieren,
In dieser Misere wurde 2003 die Bürgerinnen- und Bürgervereinigung ACDIC
gegründet. Sie deckte in den folgenden Monaten und Jahren auch die
gesundheitliche Gefährdung durch tiefgefrorenes Geflügelfleisch auf: In
Ländern wie Kamerun kann die ununterbrochene Kühlung der Produkte oft nicht
gewährleistet werden und das Fleisch ist längst aufgetaut und bakteriell
infiziert, wenn es auf den Märkten ankommt. In der Folge startete ACDIC eine
starke Kampagne gegen die „Hähnchen des Todes“ aus Europa. Die Vereinigung
macht Missstände öffentlich, lobbyiert bei den Politikerinnen und Politiker,
fungiert als Anwältin der Bevölkerung und schafft es, dass die
Konsumierenden das EU-Hühnerfleisch boykottieren und sogar die Regierung
reagierte und den Import einschränkte. Inzwischen setzt sich der Staat dafür
ein, dass die inländischen ProduzentInnen wieder erstarken und den Bedarf an
Geflügelfleisch wieder decken können. ACDIC engagiert sich weiterhin für
eine Verständigung zwischen den verschiedenen Akteuren und macht auf die
Gefahren und Folgen der globalen Marktöffnung aufmerksam. Ein Beispiel zum
Nachahmen.
Weitere Informationen: www.acdic.net
Rahel Ruch
Quelle: Evangelischer Entwicklungsdienst Deutschland (Hrsg.), Keine Chicken
schicken. Wie Hühnerfleisch aus Europa Kleinbauern in Westafrika ruiniert
und eine starke Bürgerbewegung in Kamerun sich erfolgreich wehrt, Bonn 2006
AMIE – FrauenTauschenKleiderBörse
Eine Aktion von Frauen für Frauen abseits der alltäglichen Modeindustrie...
Auch die Junge Alternative JA! wehrt sich gegen die Herstellungsweisen der
Bekleidungsindustrie in den Entwicklungsländern und organisierte am
9.Dezember die Frauenkleidertauschbörse im Frauenraum der Reitschule Bern.
Vor allem Frauen und Mädchen (schätzungsweise 80-90% der Beschäftigten
weltweit) aus den asiatischen Staaten müssen unter miserablen Arbeits- und
Lebensbedingungen Kleider herstellen, welche in Industrieländern für
Höchstpreise verkauft werden. Löhne unter dem Existenzminimum, kein Schutz
vor giftigen Chemikalien und vor Staub, 12-14 Stunden-Tage und das Verbot
der gewerkschaftlichen Organisierung sind an der Tagesordnung.
Die JA! setzt sich intensiv mit dem Thema „Konsumieren“ auseinander. Wir
sind der Auffassung, dass, wer etwas konsumiert, der soll auch wissen, wer
das verkaufte Produkt produziert hat und vor allem wie, also unter welchen
Bedingungen es produziert worden ist. Denn mit dem Kauf eines Güter geben
wir immer auch den Produzentinnen und Produzenten und der Produktionsweise
unsere Stimme. Dieser Grundsatz gilt auch (und vielleicht vor allem) in der
Bekleidungsindustrie, einer klassischen Billiglohnsparte, wo Kleider zu
billigst Preisen hergestellt, zu höchst Preisen verkauft werden und oft nach
kurzem Tragen im Abfall wieder verschwinden.
Das muntere Kleidertauschen am vergangenen Wochenende war ein deutliches
Zeichen von vielen Frauen, gegen die Missstände der Modeindustrie in unserer
Gesellschaft. Aber es reicht noch nicht... Die nächste AMIE kommt schon im
März wieder und dort sollen noch viel mehr Frauen praktische, schräge,
schöne, alte, geliebte, gut erhaltene Kleider mitbringen, anprobieren,
ausprobieren und mitnehmen; und das alles ohne Geld. Umtausch möglich, an
der nächsten AMIE.
Birgit Rosenkranz
Betti Bossy kocht vor Wut
Wenn „Betti Bossy“ für einmal nicht nur Kochrezepte für Hausfrauen
herausgibt...
Auf den ersten Blick fällt einem nichts auf und es macht den Anschein ein
weiteres Kochbuch von Betty Bossi für unterbeschäftigte Hausfrauen vor sich
zu haben. Erst beim Lesen des Titels und bei näherem Betrachten des
Titelbildes, stellt sich die Frage, warum das Japanmesser im so schön
angerichteten Braten beim Fototermin stecken geblieben ist und sich daneben
noch ein Farbkübel ins Titelbild geschlichen hat. Beim Durchblättern stösst
man/frau auf Rezepte für Torten und dazu gleich die Live-Animation eines
Daumenkinos was frau mit einer solchen Torte noch alles tun kann, anstatt
sie ihrem Ehegatten auf den Teller zum Essen zu servieren. Neben dem
Tortenrezept gibts Ratschläge für brauchbare Reaktionen auf sexistische
Werbung im öffentlichen Raum, welche nicht ganz legal zu sein scheinen und
nur für Fortgeschrittene empfohlen werden. Wobei Betti Bossy die Aktion mit
dem Argument legitimiert, dass ja „Verziererinnen“ moralisch immer im Recht
sind und wenn die Argumente dann doch mal nicht mehr ausreichen, hat Betti
Bossy auch schon die Tipps für den Umgang mit Polizei und Justiz parat.
Vom Kochrezept für den belesenen Frauenabend bis zur Kurzanleitung für den
selbst gemachten Org
on Hinweisen zur Selbstverteidigung bis zu Anregungen für die weltweite
Solidarität zwischen feministischen Widerstandskämpferinnen ist hier alles
drin. Ein freches, ironisches und doch ernst gemeintes Buch zum vergangenen
und kommenden feministischen Widerstand.
Ein Muss für alle interessierten Frauen (und solidarischen Männern) mit dem
Willen sich gegen die immer noch stattfindende Unterdrückung und Ausbeutung
von Frauen und Mädchen auseinanderzusetzen.
Birgit Rosenkranz
Titel: Betti Bossy kocht vor Wut
Herausgegeben von F.A.M. Frauengruppe gegen Sexismus und Rassismus, Bern
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